Beatrice Fleischlin

Aufgewachsen mit 8 Geschwistern in einer katholischen Schweinezüchterfamilie in Sempach. Verschiedene erfolglose Berufsversuche als Bäuerin, Hauswirtschaftlerin, Floristin und Tankwart. Dann fängt das mit dem Theater an: Studium an der Schauspielakademie Zürich (heute HMTZ, Abschluss 2000). Da sie sich selber unbedingt nicht in einem staatlichen Theaterbetrieb sah, gründete sie, gemeinsam mit Nicolas Galeazzi und Andreas Liebmann, das Label GASTSTUBE°. Gemeinsam realisierten sie 6 Jahre lang seltsame Performancehybride aus Inszenierung, Installation und Interaktion, mit denen sie international unterwegs waren (Deutschland, Österreich, Frankreich, Los Angeles, Bolivien, Schweiz). Nach der Auflösung des Kollektivs wurde sie in Arbeiten von u.a. Thom Luz, Boris Nikitin, postTheater als Performerin engagiert, besuchte die Weiterbildung „dance intensiv“ (2008-2009) an der Tanzfabrik Berlin, konnte am Autorenstipendium „Stück Labor Basel“ (20011-2012) teilnehmen. Ihr Solo „my ten favorite ways to undress – a personal hitlist“ mit dem sie erfolgreich tourte, eröffnete ihr die Möglichkeit für eine Reihe eigener Arbeiten, in denen sie stehts nach einer Formulierung von Existenz sucht, die sich nicht ins Eindeutige bringen lässt. Zu Beginn waren dies Projekte am Übergang von Autobiografie und Fiktion. In den letzten Jahren entwickelte sie Werke, die sich mit einem transnationalen, queeren Identitätsverständnis auseinandersetzen.

Meist entstehen diese Arbeiten in Kooperation mit anderen Künstler*innen. Mit dem Regisseur Jonas Knecht realisierte sie u.a. ihre erste Arbeit, die sich mit der Flüchtlingsthematik auseinandersetzte: >WILLKOMMEN IM PARADIES MEINES GUTEN GEFÜHLS< (2015, Lokremise, St. Gallen). Mit Antje Schupp realisierte sie u.a. >ISLAM FÜR CHRISTEN – EIN CRASHKURS (LEVEL A1)< (2015, Basel, Wien, Zürich, Bremen). Im Herbst 2015 kam >THINKING ABOUT MEDEA – DUKE MENDUAR MEDEAN< zur Premiere, eine albanisch-schweizerische Koproduktion, die in Tirana, Durres, Basel, Aarau und Luzern zu sehen war. I JUST WANNA FUCKING DANCE oder BEGEISTERUNG UND PROTEST (in Kollaboration mit der Performerin Anja Meser) befragt, welche Bewegungen entstehen, wenn Menschen mit Systemen nicht einverstanden sind, sie aber keine Steine werfen wollen (2016, Südpol Luzern, Gessnerallee Zürich, Contemporary Swiss Dance Days 2017 Genf, Kaserne Basel, Sophiensaele Berlin, Rampe Stuttgart).

Von 2015 – 2018 war Fleischlin „associated artist“ am Südpol Luzern. Dort realisierte sie mit einer Gruppe von Freiwilligen jeweils am letzten Tag des Monats JUST ONE MINUTE! – ein Mahnmal im öffentlichen Raum, gegen das Vergessen der Tragödie an den Grenzen Europas. Ebenfalls am Südpol startete sie ihre RADICAL-HOPE-Reihe. In 2017 realisierte sie RADICAL HOPE no1 / PILATUSBLICK, ein Tanzprojekt mit geflüchteten Jugendlichen (Zusammenarbeit mit Anja Meser). In 2018 entstand RADICAL HOPE no2 / CREATURES, in welchem alle Darsteller*innen in körper- und gesichtsverhüllenden „Kostümbehaus-ungen“ agieren. Sie erforschten, wie Kreaturen, welche sich antagonistisch zu einer „Realität der Selbstdarstellung“ verhalten, beim Zuschauer Neugier, Empathie und Zuneigung provozieren können.

Zur Zeit führt Beatrice Fleischlin Regie bei 0021 – DIAMONDS ARE FOREVER, einem Abend mit der Sängerin Annette von Goumoëns und ihrem Bruder Christoph, der mit dem Down-Syndrom lebt. Premiere am Kleintheater Luzern, Februar 2019. Zudem entwickelt sie, gemeinsam mit Anja Meser, THIS IS ME – einen Postgender-Solo-Abend (www.come-on-baby.de) und co-leitet die Tanzakademie 2019 der Kaserne Basel.